Manchmal hebt mich ein Satz aus meiner Welt heraus, macht etwas mit mir – und setzt mich an einer anderen Stelle wieder ab.
Das ist die Kraft der richtigen Worte. Bücher können das. Musik. Filme. Theater. Und gute Shows auch.
So ging es mir vor einigen Tagen mit einem Satz von Arthur Schopenhauer. Ich habe ihn auch auf Instagram geteilt.
Vielleicht hast du ihn gesehen:
„Die Kunst, nicht zu lesen, ist sehr wichtig. Sie besteht darin, sich nicht für das zu interessieren,
was gerade die große Menge beschäftigt.“
Und an anderer Stelle: „Wer für den Augenblick schreibt, schreibt für viele. Wer für die Dauer schreibt, für wenige.“
Ich liebe solche Sätze. Sie klären. Und sie erinnern mich daran, dass Aufmerksamkeit kostbar ist.
Dass Auswahl nichts mit Arroganz zu tun hat – sondern mit Verantwortung.
Die ersten Tage dieses Jahres haben mir diesen Gedanken sehr konkret vor Augen geführt.
Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.
Die Tour hat begonnen. Ich stehe wieder auf der Bühne. Und danach – was ich sehr genieße – am Büchertisch. Kurze Gespräche. Ein paar Sätze. Ein Blick. Ein Handschlag. Ein Foto.
Plötzlich wird aus einem Namen ein Gesicht, wenn ein Mitglied des CharakterClubs vor mir steht.
Wenn Menschen kommen, die seit Jahren in meine Shows gehen – und die ich wiedererkenne.
Unterschiedliche Altersgruppen, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Lebensgeschichten. Wir haben einen gemeinsamen Abend erlebt.
Miteinander gelacht. Miteinander gestaunt.
Das sind für mich keine Randmomente.
Diese Verbindung ist der Kern.
Denn in der echten Begegnung hört Aufmerksamkeit auf, beiläufig zu sein.
Anders als ein Like oder ein Kommentar in der digitalen Welt ist sie nicht mehr beliebig.
Fast zeitgleich sehe ich Bilder aus dem Iran. Menschen, die für ihre Freiheit auf die Straße gehen.
Unter Todesgefahr. Beim Betrachten dieser Bilder bekomme ich Gänsehaut. Das ist Charakterstärke. Das ist Mut.
Diese Menschen sprechen nicht über Freiheit – sie stehen für sie ein.
Und dann sehe ich – oft auf denselben Plattformen – viel Empörung an ganz anderen Stellen. Laut.
Moralisch. Und erstaunlich selektiv. Dort, wo Haltung nichts kostet, ist sie schnell zur Stelle.
Dort, wo sie etwas kosten würde, wird es still.
Charakter zeigt sich nicht in Meinungen.
Charakter zeigt sich dort, wo Handeln einen Preis hat.
Worauf wir unseren Blick richten, formt, wer wir werden.
Das gilt auch für das, wovon wir den Blick abwenden.
Für dieses Jahr wünsche ich uns allen weniger Lärm. Weniger Reflexe. Weniger Augenblick. Weniger Meinung.
Dafür mehr Dauer. Mehr Begegnung. Mehr innere Ordnung. Mehr Fokus auf das, was wirklich zählt.
In diesem Sinne, wie immer herzlichst,
Euer Thorsten Havener
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